Du hast einige der härtesten Rennen der Welt gewonnen. Gab es trotzdem Momente, in denen du dich vor dem Start nicht bereit gefühlt hast?
Ja, die gibt es bis heute. Bereit zu sein bedeutet fur mich nicht, keine Zweifel zu haben. Im Gegenteil: Vor grossen Herausforderungen schwingen immer Fragen mit. Ist mein Körper heute der Belastung gewachsen? Spielt das Material mit? Verträgt mein Magen die Verpflegung? Was macht das Wetter? Gerade an langen Tagen gibt es so viele Faktoren, die man nicht kontrollieren kann.
Was mir trotzdem Sicherheit gibt, ist die Vorfreude. Wenn ich merke, wie sehr ich Lust auf die Herausforderung habe, dann weiss ich, dass ich bereit bin, mich ihr zu stellen - auch wenn nicht alle Fragen schon beantwortet sind.
Viele glauben, man müsse sich zu 100 % bereit fühlen, bevor man so eine Herausforderung angeht. Ist das wirklich so?
Nein, und ich glaube sogar, dass dieses Gefuhl von "100 % bereit" selten kommt. Natürlich sollte man sich gut vorbereiten und verantwortungsvoll an eine Herausforderung herangehen. Aber irgendwann kommt der Punkt, an dem man den ersten Schritt einfach machen muss.
Entscheidend ist nicht Perfektion, sondern Leidenschaft. Wenn das Feuer für etwas groß genug ist, findet man oft Kräfte, von denen man vorher gar nicht wusste, dass sie in einem stecken. Wachstum beginnt meistens genau dort, wo die Komfortzone endet.
Woran merkst du persönlich, dass du bereit bist?
Bereit fühle ich mich, wenn Körper und Kopf in die gleiche Richtung arbeiten. Wenn ich gesund bin, mich fit fühle und die Vorfreude grösser ist als die Nervositat. Ein gutes Zeichen ist auch, wenn ich den Tag gedanklich schon einmal durchspielen kann - wenn ich mir vorstellen kann, wie ich auf Schwierigkeiten reagiere und warum ich uberhaupt losziehen mochte.
Perfekte Bedingungen brauche ich dafür nicht. Aber ich muss spüren, dass mein Fokus stimmt und ich bereit bin, alles zu geben.
Was verändert sich mental nach vielen Stunden allein mit sich selbst?
Irgendwann wird es erstaunlich ruhig im Kopf. Die Ablenkungen des Alltags verschwinden und plötzlich bleibt nur noch der nächste Schritt, die nächste Kurbelumdrehung, der nächste Moment.
Das kann manchmal auch herausfordernd sein, weil man seinen Gedanken nicht ausweichen kann. Gleichzeitig liegt genau darin eine grosse Chance. Man lernt sich selbst besser kennen. Und wenn man es schafft, im Hier und Jetzt zu bleiben, entsteht oft ein Flow-Zustand, der schwer zu beschreiben ist - aber genau diese Momente machen solche Abenteuer so besonders.
Gibt es einen Unterschied zwischen Angst und Respekt vor einer Herausforderung?
Absolut. Respekt ist wichtig, Angst eher nicht. Respekt sorgt dafür, dass wir uns gut vorbereiten, Risiken ernst nehmen und die Aufgabe nicht unterschätzen. Er hilft uns, die Herausforderung mit Demut anzugehen.
Angst hingegen kann uns lahmen und davon abhalten, überhaupt loszugehen. Fur mich entsteht die Magie genau dort, wo Respekt und Neugier zusammenkommen. Denn eine Herausforderung ist ja gerade deshalb spannend, weil sie nicht garantiert gelingt. Wenn alles einfach ware, wars ja langweilig.
Was würdest du jemandem sagen, der ständig wartet, bis er sich 'bereit genug' fühlt?
Warte nicht auf den perfekten Moment - der kommt meistens nicht. Niemand weiss vor einer grossen Herausforderung mit Sicherheit, wie sie ausgehen wird.
Scheitern ist immer moglich. Aber jeder Versuch bringt Erfahrungen, Erkenntnisse und oft auch Selbstvertrauen mit sich. Die einzige Garantie, es nicht zu schaffen, ist es, gar nicht erst loszugehen.
Und falls der Schritt allein zu gross erscheint: Such dir Menschen, die den Weg mit dir gehen. Gemeinsam wachsen wir oft uber Grenzen hinaus, die wir alleine nie überwunden hatten.
Ist mentale Klarheit irgendwann wichtiger als körperliche Stärke?
Definitiv. Gerade bei langen Herausforderungen wie Peak2Climb entscheidet irgendwann nicht mehr nur die körperliche Leistungsfahigkeit. Wenn die Beine schwer werden, das Wetter umschlagt oder der innere Schweinehund laut wird, kommt es darauf an, einen klaren Kopf zu bewahren.
Die korperliche Starke bringt dich weit. Die mentale Starke bringt dich oft bis ins Ziel.
Was unterscheidet Herausforderungen wie XTRI oder Peak2Climb von klassischen Rennen?
Fur mich geht es bei solchen Herausforderungen um viel mehr als Platzierungen oder Zeiten. Es geht um Abenteuer, um Natur und darum, sich bewusst auf etwas einzulassen, das einen fordert.
Es gibt kein grosses Spektakel, keinen riesigen Eventcharakter und oft auch keine Menschenmassen am Streckenrand. Stattdessen erlebt man die Berge, das Wetter, die Hohen und Tiefen sehr intensiv - und oft auch sich selbst.
Genau das macht diese Formate so besonders. Man verschiebt nicht nur korperliche Grenzen, sondern sammelt Erinnerungen und Erfahrungen, die weit uber den Zieleinlauf hinaus bleiben.
Fotos: Tanja Spielberger